article "Tagesanzeiger", 5. february 2000
Marianne Panton spricht zum ersten Mal öffentlich über das Leben mit Panton und die Zeit danach...
«Ich bin sein grösster Fan»
Marianne Panton spricht zum ersten Mal öffentlich über das Leben mit Panton und die Zeit danach.
Mit Marianne Panton sprach Sybil Schreiber
Frau Panton, Sie haben an dieser Ausstellung massgeblich mitgearbeitet. Wie fühlen Sie sich?
MP: Ich bin aufgeregt und glücklich. Seit dem Tod meines Mannes gab es viel zu tun. Ich wühle in seinem Archiv, entdecke Zeichnungen, erinnere mich. Irgendwie erlebe ich alles noch einmal.
Sie waren immer an seiner Seite, hielten sich aber doch im Hintergrund. Jetzt stehen Sie im Mittelpunkt.
MP: Das stimmt nicht. Ich helfe, ich liefere Unterlagen, ich organisiere. Aber im Grunde genommen dreht sich alles um Verner Panton. Etwas ist sehr interessant: Wenn man zusammen lebt und arbeitet, ist alles ganz normal. Jetzt sehe ich vieles von einer anderen Seite.
Inwiefern?
MP: Ich bin erstaunt, wie unglaublich viel Panton produziert und entworfen hat. Diese Menge und Vielfalt, einfach kolossal. Wir haben immer viel gearbeitet, aber das war mir damals gar nicht so bewusst. Was man in seinem Archiv alles findet - kaum zu fassen.
Werden Sie bisher unbekannte Entwürfe realisieren lassen?
MP: Vielleicht. Das wäre natürlich wunderbar. Ich muss nur noch Produzenten finden.
Hat es Sie nie gereizt, selber etwas zu entwerfen?
MP: Nein, überhaupt nicht. Das war sein Gebiet. Mein Mann ist mit seiner Arbeit sehr spielerisch umgegangen. Da war keine negative Verbissenheit, sondern kreative Gelassenheit. Deshalb habe ich nie unter seiner Arbeit gelitten, sondern im positivsten Sinn daran teilgenommen.
Sie klingen unglaublich positiv. Haben Sie ihn nie kritisiert?
MP: Natürlich schon. Er hat zum Beispiel nur mit Menschen zusammengearbeitet, die er mochte. Ich fand, er könne da auch etwas weniger strikt sein. Aber letztlich habe ich gespürt, dass er genau das Richtige macht. Es klingt vielleicht etwas romantisch, aber ich bin sein grösster Fan.
Haben Sie in der Zeit nie etwas aufgeben müssen?
MP: Doch, meinen Jugendtraum. Ich' wollte nämlich Pilotin zu werden.
Und was ist daraus geworden?
MP: Nichts, jedenfalls kein Beruf. Ich habe das Zertifikat gemacht, kann also einmotorige Maschinen fliegen. Aber dann kam Panton und mit ihm ein anderer Weg.
Klingt nach angepasster Rollenverteilung, dabei mochte Verner Panton doch keine Normen.
MP: Wir hatten zwei kleine Kinder, wir kamen in eine neue Stadt. Da muss man sich aufteilen. Was aber nicht heiss, dass ich immer zu Hause war. Ich habe Verner überall hinbegleitet. An Messen, Sitzungen, zu Verhandlungen. Wir waren unglaublich viel unterwegs.
Wie war für Sie der Umzug nach Basel?
MP: Gemischt. Auf der einen Seite war es wichtig, dass wir in Mitteleuropa lebten. Also in der Nähe zu wichtigen Produzenten. Auf der anderen Seite hatte ich keine familiäre Unterstützung für meine Kinder. Ich musste mir also mit dänischen Aupairs helfen. Das war manchmal etwas mühsam.
Haben Sie es bereut, Ihre Heimat verlassen zu haben?
MP: Nein, nie! Ich wäre mit Panton überall hingezogen, ich war ja so verliebt. Seine Nähe war meine Heimat.
Die 6oer-Jahre sind zurzeit wieder stilweisend. In diesem Zusammenhang wird auch der Panton-Stil oft kopiert. Stört Sie das?
MP: Mich persönlich schon. Ich will das Original, nicht irgendetwas Nachgemachtes. Aber für Verner war das nie ein Thema. Er sah es als Kompliment, kopiert zu werden.
Vor zwei Jahren ist Ihr Mann an einem Herzinfarkt gestorben. Hatten Sie damit gerechnet?
MP: Wir waren insofern vorbereitet, da Verner seit Jahren mit seinem Herzen Probleme hatte. Er starb in unserer Zweitwohnung in Kopenhagen einen Sekundentod. Wir hatten vorher über das Sterben geredet, kein Tabu daraus gemacht. Bei ihm hatte jedes Thema Platz.
Wie sind Sie mit der Trauer umgegangen?
MP: Ich habe mich in die Arbeit gestürzt und unsere gemeinsamen Wohnungen aufgelöst. Ich musste vertraute Umgebungen meiden. Es war für mich unmöglich, in Räumen zu sein, die er belebt hatte.
In Basel hatten Sie eine Villa, die komplett im Panton-Stil eingerichtet war. Wie leben Sie jetzt, da Sie eine eigene, also Ihre persönliche Wohnung haben?
MP: Ich wohne erst seit einem Jahr dort. Und ich wusste ja nicht, ob ich mich wohl fühlen würde. Darum habe ich die Wände weiss gelassen. Das hätte Verner gehasst. Er hat Weiss nicht walmsinnig geliebt.
Keiner ist so verschwenderisch mit bunten Tönen umgegangen wie er. War Ihnen das nie zu viel?
MP: Nein, überhaupt nicht. Ich liebe das. In meiner neuen Wohnung sind alle Möbel von ihm und entsprechend bunt.
Haben Sie ein Lieblingsstück?
MP: Viele. Was ich besonders mag, ist der Living Tower. Dieses Polstermöbel auf zwei Etagen. Leider habe ich zu wenig Platz dafür. Denn der Blick aus der Höhe in einen Raum ist etwas wunderbares, ist abgehoben und befr~iend. Meine Tochter hat den Tower in ihrer Wohnung, und die Kinder lieben ihn. Und den «HeartCone»-Chair fände ich sehr, sehr schön. Der wird jetzt wieder von Vitra produziert.
Ich hoffe, dass ich Ihnen nicht zu nahe trete. Aber was für einen Grabstein hat Verner Panton?
MP: Gar keinen. Er ist in Kopenhagen begraben. In einem grossen Urnengrab. Also ganz anonym. Das ist einfach eine Wiese mit wunderbaren Bäumen. Eine Art gemeinsames Grab von allen möglichen Menschen. Das passt zu seiner Zurückhaltung. Ich liebe diesen Platz. Er berührt mich sehr. Wenn ich und meine Töchter dort sind, wissen wir also nicht, wo Verner liegt. Er ist irgendwie überall.
Die Kantine der «Spiegel»-Redaktion in Hamburg aus dem Jahr 1969 ist die einzige erhaltene Rauminszenierung von Verner Panton und längst ein Zeitdokument. 1990 wurde sie komplett restauriert. Und da die Sixties wieder im Trend sind, ist der Raum begehrter Drehort für Filmaufnahmen.
Für die einen ist die Farborgie in Orange ein fulminantes Gesamtkunstwerk, für die anderen ein Appetitverderber. Hartgesottene Typen wie die Rockmusiker der Scorpions fragten sich bei einem Besuch in der Panton-Kantine besorgt: «Kann man hier wirklich essen?» Man kann. Aber nur kurz. Eine halbe Stunde Mittagspause muss reichen. So stehts im Vertrag der Angestellten. Doch nicht nur das Design ist aussergewöhnlich, sondern auch der Service. Beim «Spiegel» wird das Essen am Tisch serviert. Schlangestehen ist seit Panton passe. (sys)
BILD DOMINIK LABHARDT/PRlVAT Traumpaar: Verner Panton und seine Frau Marianne.