Schweizer Illustrierte, 28.02.1972
Der Däne, der die Welt in Farbe taucht
Schweizer Illustrierte 28/02/ 1972
Unser Gast: Verner Panton
Der Däne, der die Welt in Farbe taucht
Er spricht mit seiner Frau dänisch. Sie spricht mit ihm schwedisch. Und das seit rund neun Jahren. Mit dem Rest der Welt spricht er «design», die Sprache der Designer, jener Leute, die für irgendwelche Dinge zukunftsweisende Formen in zukunftsweisenden Farben aus zukunftsweisendem Material ersinnen. Die Sprache der Designer ist voller geheimnisvoller Wendungen, voller Fremdwörter, voller Sprach- I. schöpfungen, und es ist nicht einmal ganz sicher, ob sie von einem gewöhnlichen Sterblichen verstanden werden soll.
Verner Panton weiss sie indessen auch völlig Unbegabten verständlich zu machen, allerdings nur solchen, die ihm sympathisch sind. Er stellt ganz allgemein die These auf, dass sich eine Unterhaltung nur mit Partnern lohne, mit denen man persönliche Kontakte finde. Er geht sogar noch weiter:
Nun setzt ja der Beruf des Designers Originalität im Blut voraus. Nicht nur Originalität. Wer wie Verner Panton jene Dinge gestalten und beeinflussen will, die dem Menschen am nächsten liegen - Haus, Wohnraum, Wände, Decken, Böden, Stühle, Tische, Liegegelegenheiten, Lampen, Vorhänge-und zwar so, dass er sich darin ungeheuer wohl fühlt, der muss ein ausgewachsener Psychologe sein.
«Bei meiner Arbeit interessiert mich vor allem das Gesamtergebnis. Das Zusammenklingen ist von viel grösserer Wichtigkeit als irgendein einzelner Gegenstand. Ein Raum, seine Farben-sehr wichtig die Farben -, Möbel und Textilien und seine Beleuchtung müssen in ihrem Zusammenhang gesehen und geplant werden. Das Ganze kann ungewöhnlich schön oder ungewöhnlich hässlich sein, wesentlich ist, dass es ein ungewöhnliches Erlebnis vermitfelt. Solche Uebereinstimmungen finden wir beispielsweise in alten Stadtvierteln, im orientalischen Bazar oder auf grossen alten Segelschiffen. Obwohl diese aus ganz verscheidenen Elementen zusammengestetzt sind, stimmen sie in der gesamtkonzeption doch überein. Und darum lieben wir sie. Ich versuche zu ähnlichen Gesamtkonzeptionen zu gelangen.>> Diesem Umstand hatte es Verner Panton zweifellos zu verdanken, dass er die er erste Reihe der international anerkannten Designer aufückte. Wie kam der berühmte Däne, der bereits in Dänemark aufsehenerregende Erfolge zu verzeichnen hatte, in die Schweiz?
«Es zog uns mit aller Macht nach Südfrankreich, wo wir uns auch wirklich niederliessen. Aber das gefiel unseren Kunden nicht, worauf wir eine Karte Europas aufschlugen und den Mittelpunkt unseres Kundenkreises suchten.
Der lag eindeutig in Strassburg. Wir haben dann aber doch das nahe Basel vorgezogen und möchten, obwohl es viele Schweirigkeiten zu überwinden galt, nicht mehr anderswo hinziehen.>> Eine fast schicksalshafte Folge hatte die Übersiedlung in die Schweiz: Verner Panton erhielt zunächst nur eine Aufenthaltsbewilligung und durfte sich nur auf seinem Spezialgebiet, dem Design, betätigen. Das Bauen von Häusern hatte der ausgebildete Architekt schön bleiben zu lassen. Die Becshränkung scheint ihre guten Seiten gehabt zu haben.
<< Ich will mich nicht auf einen Stil festlegen lassen. Wen ein neuer Stil aufkommt, ist es höchste Zeit, sich nach neuem umzusehen. Meine Sachen entstehen in der Diskussion. Meine Entwürfe sollen ja vielseitig verwendbar und allen Schichten von Käufern zugänglich sein. Deshalb muss über das Material, die Form, die Farbe und-den Preis so lange mit den zuständigen Fabrikanten diskutiert werden, bis die denkbar günstige Lösung gefunden ist. Das lohnt sich, denn wenn ein Entwurf-beispielsweise der Entwurf für einen Stuhl oder eine Lampe-einschlägt, sollen ja davon 50000 oder 100000 Stück fabriziert werden können. Selbstverständlich erreichen lange nicht alle Entwürfe solche Produktionszahlen, ja es gibt solche, die überhaupt nicht ankommen. Dann heisst es eben weitersuchen. Ich glaube, dass dem Kunststoff in Zukunft eine immer grössere Bedeutung zukommen wird. Wir betrachten ihn heute noch als Ersatzmaterial. Wir müssen verstehen lernen, dass Kunststoffe brauchbare, selbstständige Materialien sind mit eigenen Eigenschaften und eigenen ästhetischen Möglichkeiten.
Alles deutet darauf hin, dass sich unsere Lebensformen in Richtung einer grösseren Kollektivität entwickeln. Kollektive Wohnungsformen-gemeinsames Kochen-gemeinsame Freizeitanlagen-Überwindung der Einsamkeit-Mitmenschlichkeit sind die neuen Komponenten, die unser Zusammenleben bestimmen werden und auf die der Designer sein Augenmerk zu richten haben wird. Wir müssen uns die zukünftige Bauweise als ein tragendes Installationsgerüst vorstellen, in welches wir die serienmässig fabrizierten Wohneinheiten einsetzen können. Bauen wir doch einmal eine Stadt in reizvollen Farben mit all den Wunschträumen vom Leben und Arbeiten mit richtigen Kommunikationsmitteln, kulturellen Einrichtungen bis zu den Möbeln, Textilien und Lampen. Das heisst: Planen wir die Lampe zusammen mit der Stadt.>>