Article "Sonntagszeitung" 27. July 2003
«An das Wohnen in kräftigen Farben muss man sich gewöhnen»
SONNTAGSZEITUNG, 27. JULI 2003
Design your life
«An das Wohnen in kräftigen Farben muss man sich gewöhnen»
Marianne Panton hat aus dem Design-Erbe ihres Ehemannes eine ganz persönliche Welt zusammengestellt
VON BARTOLOMEUS GIJSEN (TEXT) UND ZSIGMOND TOTH (FOTOS)
Wer sie kennt, der liebt sie, die bunte Welt des Panton-Designs. Stühle fliessen in weichen Kurven um den Körper, farbige Wände vermitteln das GefüW einer freien Landschaft, und Decken sind zur leuchtenden Plastik geformt. Es ist eine Welt, in der die ausgeprägte Künstlichkeit als ein stilisiertes Mittel wohnlicher Selbstdarstellung verwendet wird. Mit der trendigen Entstaubung der Siebzigerjahre erlebt das Design des vor fünf Jahren verstorbenen Dänen Verner Pahtons eine eigentliche Renaissance. Seine Ehefrau Marianne, die die Nachlassverwaltung des Designers betreut, lebt in Basel.
Mit der Erwartung, Marianne Panton in einem glamourös eingerichteten Penthouse zu treffen, drücken wir den Liftknopf für die oberste Etage des Wohnblocks im GelIert-Viertel. Oben angekommen, hören wir jedoch ihre Stimme von weiter unten im Treppenhaus, die uns auffordert, in den 2. Stock hinunter zu steigen. «Ich mag es bescheiden», meint die zierlich wirkende Schwedin mit leicht nordischem Akzent. «Nach all dieser Zeit in grossen Häusern mit den vielen Mitarbeitern, die dort ein und ausgingen, geniesse ich jetzt diese ruhige und pflegeleichte Wohnung.»
In den Räumen, die wir betteten, ist kaum ein Stück zu finden, das nicht von ihrem Mann gestaltet wurde: Möbel, Leuchten, Textilien und Wandverkleidungen, bis hin zu Kerzenständern und, Fruchtschalen. «Natürlich sind Dinge, mit denen .man sich umgibt, eine Form der Visitenkarte. Meine Wohnung ist aber vor allem mein privater Rückzugsort und all die Objekte stehen mir nicht nur nahe, sondern sie stecken auch voll vielfältiger Erinnerungen.» Inneneinrichtung als Tagebuchform? <
Kaum ein Stück; das nicht von ihrem Mann gestaltet wurde: Marianne Panton in ihrem'Wohnzimmer
«Die farblosen Wände dieser Wohnung hätte Verner nicht ausgehalten>> Obwohl die Ausstattung der gesamten Wohnung Pantons Handschrift trägt, haben wir nicht das Gefühl, in einem umfassenden Panton-Raumerlebnis zu sein. <
Auf einem Foto sehen wir die Panton-Tochter in einem Kleid mit grünem Panton-Muster vor einer tiefroten Wand posieren. Ob dies auch ihre alltägliche Kleidung ist, wollen wir wissen. «Das Kleid liegt meiner Tochter sehr am Herzen, da Verner es damals extra für mich anfertigen liess. Es gibt noch einige wenige dieser Stücke, die ich aber nicht mehr besitze.»
Frau Panton zeigt uns ihre Fotosammlung, wo sie oft selbst mit den Möbelentwürfen ihres Mannes abgebildet ist. Diese Bilder sind Dokumente einer Zeit, als die Desingwelt versuchte, allumfassende Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Menschen zu schaffen, sozusagen den Gesamtzusammenhang von der einfachen Küchengabel bis hin zum komplexen Stadtgefüge herzustellen.
Die Pantons haben dieses jugendstilartige Prinzip in ihrem ersten schweizerischen Arbeits- und Wohnsitz, einer riesigen Villa in Binningen, inden Sechzigerjahren effektvoll und farbenfroh ausgelebt. Die Wrrkung dieser Inszenierung lässt sich aber ebenfalls nur noch auf den Fotos nachvollziehen: Der Innenausbau der Villa ist in dieser Art nicht mehr erhalten. «Wir haben dort fast 15 Jahre lang gelebt und hatten vor, darin eine Designschille zu integrieren. Die Villa zu unterhalten wurde uns aber einfach zu teuer, und wir bescWossen, sie zu verkaufen. Der Käufer war eigentlich sehr daran interessiert, die Inneneinrichtung zu erhalten, wollte aber die Mittel dafür nicht aufwenden. So haben wir unser Design bis auf die jetzt noch bestehenden Gartentore entfernt.» Nun stehe im Garten der Villa, so Marianne Panton, ein von den Architekten Herzog & de Meuron konzipiertes «schönes Bürohaus».
In die Schweiz zu kommen war eigentlich nicht die Absicht der Pantons, sondern eher ein Zufall. «Die gewagten Entwürfe hatten in Skandinavien einfach keine Chance», erinnert sich die Designer-Witwe. <
Mit der Firma Fehlbaum-Vitra verbindet Marianne Panton eine langjährige und dauerhafte Beziehung. Und im Frühling 2000 wurde das Schaffen ihres Mannes im Vitra-Design-Museum mit einer umfassenden Retrospektive und einem Katalog über sein Gesamtwerk gewürdigt.
Das Revival der Siebzigerjahre zeitigt aber auch ganz praktische Folgen. Zurzeit werden beispielsweise verschiedene PantonObjekte wieder produziert, Textilentwürfe neu aufgelegt und auch für modische Accessoires weiterverwendet. Fantasie und Farbe ist in der Designwelt wieder erlaubt. «Für diesen Boom kann ich keine Erklärung abgeben, aber ich freue mich sehr darüber. Ich bin sehr damit beschäftigt, dieses Design lebendig zu erhalten. Gerade komme ich von der Möbelmesse in Mailand, wo ich viele Bekannte treffen und Kontakte pflegen konnte, Für Neueditionen werde ich dann meistens direkt von den Fabrikanten angefragt, da ja alle Designrechte bei mir liegen.»
Verschiedene dieser Entwürfe können wir bei Frau Panton ausprobieren. In de vorwiegend kühlblauen Möblierung lassen sich mit den sanft schimmernden Leuchten differenzierte Stimmungen er zeugen. Ein tütenförmiger Stuhl aus Drahtgeflecht löst sich vor dem Gegenlicht der Fenster beinahe im Nichts auf, die dunkel schimmernden geschwungenen Panton-Chairs werden durch die Muschellampe fleckig beleuchtet und im Pyramiden-Spiegel mehrfach gebrochen. Nur das postmoderne Sofapaar in quietschenden Farben entpuppt sich als eine ganz konventionelle, gemütlich Leseliege.
Panton über ihre Nachbarn: "Es wohnen alles sehr nette Leute hier, mit denen ich aber kaum näheren Kontakt habe .. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich sehr viel unterwegs bin»
Panton über das Wohnen im Alter: «Ich fühle mich hier sehr zu Hause und möchte bleiben, so lange es geht. Genauso wie ich mich jetzt hier eingerichtet habe, gefällt es mir auch für die Zukunft."
Design your Life Unterschiedliche Formen häuslicher Selbstverwirklichung vorzustellen ist das Thema der Serie, welche die SONNTAGSZEITUNG wöchentlich publiziert. Marianne Panton, langjährige Ehefrau und engste Mitarbeiterin des verstorbenen legendären dänischen Designers Verner Panton, lebt und arbeitet seit über 35 Jahren an verschiedenen Wohnsitzen in und um Basel. Marianne Panton über ihre erste eigene Wohnung: "lch bin auf einem Hof südlich von Stockholm aufgewachsen und hatte als Erstes eine kleine möblierte Zweizimmerwohnung in der Stadt, in der ich mich sehr wohl gefühlt habe. In dieser Zeit hatte ich ernsthafte Absichten, die erste anerkannte Linienpilotin in Europa zu werden".