Article Ambiente Issue 1/97
Ein wilder 70er....
Ein wilder 70er
Rot spürt man. Der dänische Designer Verner Panton ist überzeugt davon. Seine Wohnung gibt ein leuchtendes Beispiel.
Magenta, die Mutter aller Rottöne, regiert das Wohnzimmer und animiert die Gäste zur Unterhaltung. Der Prototyp eines neuen Stuhls steht farbloyal zu seiner Königin. Rechte Seite: Stapelstuhl in Blau vor dem Schreibtisch. Der Kunststoffklassiker machte Verner Panton 1968 bekannt.
Am Schreibtisch seines blauen Arbeitsbereichs skizziert Verner Ponton Ideen für die aktuelle Ausstellung.
In der Züricher Galerie Softort am Predigerplatz gestaltete Ponton Farbröume zum Erleben von Farbwirkungen.
GEFUHL FUR SATTE FARBEN
So bin ich eben: Grelle Farben haben mich immer fasziniert. Aber sie müssen rein sein", sagt Verner Panton. Und auch heute - Monate nach seinem siebzigsten Geburtstag - taucht der Nimmermüde seine frisch renovierte Wohnung am Hafen Kopenhagens in strahlendes Gelb, sattes Magenta und tiefes Blau. Mit den Farben zielt der dänische Architekt und Designer auf konkrete
Bedürfnisse: Gelb in Fensterbereich und Schlafzimmer muntern auf. Blau am Arbeitsplatz fördert die Konzentration. Rot im Wohnzimmer regt zu Gesprächen an. "Daß Rot den Puls beschleunigt, weiß doch jeder", erklärt der Farbenspezialist.
"Wir mußten die Wohnung mit Farben teilen, denn sie ist ein langer Schlauch", erklärt Panton die Gestaltung seines Zweitwohnsitzes. Mit seiner Frau wohnt und arbeitet er schon lange in Basel. Dort hat er gerade Formholzstühle entworfen, die in einem Restaurant in Japan zum bodennahen Sitzen einladen, und Schulmöbel für ein deutsches Unternehmen.
Mit gewagten rosa-rot-violett-blauen Einrichtungen hat sich Verner Panton einen Namen gemacht. Als die wilden Sechziger in die grellen Siebziger übergingen, wurde er zum Designstar. Mit waghalsig gerundeten, meterhohen Wohnlandschaften aus popfarbigem Stoff zeigte er 1968 auf der Kölner "Visiona"-Show des Chemie konzerns Bayer Zukunftsräume, die als Meilenstein der Designgeschichte gelten (siehe Buchtitel: "Design der Sechziger", Staccato, Seite 10).
Ein Jahr später richtete er in Hamburg die Kantine des Spiegel-Verlages ein, wo sich die Redakteure auch heute noch fragen: Kann man bei Lila-orange-rotem Streifenmuster Appetit entwickeln? Können starke Farben die Angestellten so aktivieren, daß sie ihre Mittagspause einhalten? Ähnlich diskutierte man auch im Verlagshaus Gruner+ Jahr, dessen Kantine Panton fünf Jahre später fast identisch gestaltete. Heute existiert das Zeitdokument typischer Seventies-Einrichtung nicht mehr, und die jüngeren Mitarbeiter bedauern, daß sie ihre Arbeit nicht mehr im Kantinen-Farbrausch unter silbernen Discokugeln als Beleuchtung verbringen können - sei es auch nur aus Gründen der Skurrilität.
Aktueller als die Verlagskantinen sind zwei Installationen in der Schweiz, die Panton gerade fertigstelIte: Für die Baseler Galerie Littmann stattete er einen knapp 200 m2 großen Raum mit grellen Farbstreifen aus, der von dem Galeristen als Diskothek genutzt wird. Und die Züricher Galerie Softart zeigt bis Ende Januar acht Farbräume, die Panton zum Fühlen von Farben inszeniert hat: Hier kann der Besucher in warmem Orangerot schwitzen und in kaltem Türkisblau frieren.
TEXT: PETRA SCHWAB FOTOS: HEINER SCHMITT