Designreport 10/98
Nach der coolen Ära der 80er Jahre, in denen es außer Scharz, Weiß und Chrohm nichts zu geben schien, kehren nun bunte Farben in die Wohnwelt zurück...
Zur Sache, Verner Panton
Der Farbenfreund über das Ende von Schwarzweiß
Nach der coolen Ära der 80er Jahre, in denen es außer Scharz, Weiß und Chrohm nichts zu geben schien, kehren nun bunte Farben in die Wohnwelt zurück. Der Däne Verner Panton hat sich in seiner über 5Ojährigen Karriere als Möbeldesigner und Innenarchitekt nie von irgendwelchen Farbmoden beeinflussen lassen. Seine Möbel- und Innenraumentwürfe waren stets von kühner Farbigkeit bestimmt. Furore machte der Däne vor allem mit der Farb- und Innenraumgestaltung für die Kantine des Spiegels. Nachdem es etwas ruhiger um ihn geworden war, sind Panto.ns Entwürfe heute wieder auf allen wichtigen Messen zu finden. Vom 17. September bis zum 24. Januar widmet das dänische Kunstmuseum in Trapholt dem Designer unter dem Titel "Licht und Farbigkeit" eine Ausstellung. Der Design Report sprach mit Panton über das Revival der Farben in der Wohnwelt.
Design Report: Begrüßen Sie die Rückkehr von mehr Farbigkeit in die Welt des Wohnens?
Verner Panton: Ja, natürlich. Für mich bedeuten Farben sehr viel. Sie haben eine große Wirkung auf unser Unterbewußtsein. Unsere Stimmung wird stark durch die Farben unserer Umgebung beeinflußt; aber nicht allein durch die Farben, auch die Helligkeit spielt eine große Rolle. Jeder von uns spürt diese Wirkung im Sommer. Sehnsüchtig erwarten wir nicht nur die Wärme der Sonne, sondern auch die Helligkeit, die unsere Lebensgeister erwachen läßt.
DR: Haben die von Ihnen bei der Gestal tung von Möbeln und Räumen bevorzugten weichen Formen dieselbe Wirkung auf den Menschen wie die Farben?
VP: Formen haben nicht diese direkte Wirkung. Für mich sind deshalb Farben fastimmerwichtiger als Formen. Die Farben beeinflussen unser Leben und unsere momentane Stimmung; sowohl ganz allgemein, als auch sehr konkret. Unsere Konzentrationsfahigkeit beispielsweise wird st-ark durch die Farben der Umgebung bestimmt. Farben können sowohl eine heitere Atmosphäre schaffen als auch eine bedrückende. Das ist nicht bloß meine Meinung. Es wurde schon eine ganze Reihe wissenschaftlicher Versuche gemacht, die die Wirkung verschiedener Farben bewiesen haben. Betrachten wir zum Beispiel die Farbe Rot, so ist klar meßbar, daß der Puls schneller schlägt; in einem blauen Raum verringert sich die Pulsfrequenz. Unter Einfuß der Farbe Rot überschätzen wir Zeitverläufe; unter dem Einfluß von Blau passiert das Gegenteil. Diese Beobachtungen lassen sich endlos fortführen. Ich finde es deshalb ungeheuer wichtig, daß wir die Wirkung von Farben berücksichtigen, wenn wir unsere Lebensräume gestalten. In den 80er Jahren schien es nur Schwarz und Weiß zu geben. Glücklicherweise ist man dieser beiden Töne sehr bald überdrüssig geworden. Im Grunde ist diese Entwicklung nicht verwunderlich, denn unser Leben ist sehr vielfaltig; Schwarz und Weiß reichen da bei weitem nicht aus.
DR: Vielleicht ist dieses Revival der Farben auch nur ein Trend, der ein paar Jahre anhalten wird.
VP: Das glaube ich nicht. Wenn die Leute erst gemerkt haben, wie schön und angenehm das Leben in einer farbigen Umgebung sein kann, wollen sie sicher nicht mehr so schnell darauf verzichten.
DR: Stört es Sie, daß manche Unternehmen heute auf jene Farben zurückgreifen, die Sie schon immer propagiert haben?
VP: Nein, die Beweggründe sind nicht so wichtig; Hauptsache, es kommen wieder Farben zum Einsatz. Trends entstehen nicht im luftleeren Raum. Nur wenn der Endverbraucher es verlangt, ändern Unternehmen ihre Produkte.
DR: Sie meinen also, der Trend zu mehr Farben ist ganz allgemein auf eine veränderte Lebenseinstellung zu· rückzuführen?
VP: Ja. Ganz besonders bei jungen Leuten habe ich diese Entwicklung beobachtenkönnen. Sie lassen sich nicht mehr alles von der älteren Generation vorschreiben, sondern vertrauen ihrer eigenen Meinung und ihrem eigenen Geschmack. Die Experimentierfreude der jungen Menschen und die Freude, die sie dabei haben, imponieren mir sehr.
DR: Wie sind Sie zu Ihrer besonderen Freude an Farben gekommen?
VP: Ich habe nie bewußt nach einer Farben- und Formensprache gesucht. Meine Arbeit ist nicht gerade das, was man systematisch nennt, sondern eher spontan. Alles, was ich sehe und erlebe, beeinflußt mich. Farberlebnisse suche ich gerne in der Natur oder in einem Blumenladen. Ich kann nicht ohne Farben leben.
Es gibt aufdieser Welt unheimlich viele Menschen, die gegen den Einsatz von starken Farben kämpfen - aber auch solche, die sich gegen den gesunden Menschenverstand sträuben.
Mit Verner Panton sprach Susanne Wittoif
Verner Panton
Der ausgebildete Architekt Verner Panton wurde 1926 in Dänemark geboren. Nach seinem Examen an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Kopenhagen (1951) arbeitete er zwei Jahre lang im Büro von Arne Jacobsen. 1963 ließ er sich als freier Architekt und Designer in der Schweiz nieder. Seit
über 40 Jahren ist Panton für internationale Unternehmen tätig, darunter so namhafte Firmen wie Cassina, Fritz Hansen oder Vitra, heute Hersteller des berühmten "Panton Chair", dem ersten Freischwinger aus Kunststoff.