Person Person

ELSEVIER SELECT I Wohnkomfort 1971/Wohntrend 1972


 
"WIR WERDEN WIEDER JE LÄNGER JE MEHR BEIEINANDER WOHNEN"
 

ELSEVIER SELECT I Wohnkomfort 1971/Wohntrend 1971

März 1971

"WIR WERDEN WIEDER JE LÄNGER JE MEHR BEIEINANDER WOHNEN"

sagt Verner Panton in einem Spezial .. Interview mit Erna van den Berg.

Verner Panton ist ein Däne. Zu Beginn der sechziger Jahre hat er seinem Vaterlandgebewohl gesagt und ist mit seiner schwedischen Frau in die Schweiz wohnen gegangen. "Weil man hier zentraler liegt"~ erklärt er. "Paris und Milano sind bequem erreichbar. Die Flugverbindungen sind ausgezeichnet. Ausserdem lernen die Kinder hier spielend verschiedne Sprachen. Sie sprechen fliessend deutsch und französisch, während dem wir zuhause dänisch sprechen. Verner Panton (44) ist Architekt. Zwei Jahre arbeitete er als Lehrling des dänischen Baumeisters Arne Jacobsen.

Im Jahre 1955 begann er für sich selbst. Erst mit Holzmöbeln. Danach mit Kunststoffen. Dem typsichen dänischen Möbelstil, dessen vornehmste Materialien Holz und Leder sind ist er entwachsen. Kunststoffe sind für ihn die Materialien dieser Zeit. Im eigenen Land konnterer nichts damit ausführen. Bereits im Jähre 1954 entwirft er in Dänemark einen Plastikstuhl~ der erst 1967 in Deutschland in Produktion kommt. 1957 machte er aufblasbare Möbel~ wofür es damals noch ganz und gar keine Produktionsmöglichkeit gab. Sein erstes Plastichaus datiert aus dem Jahre 1960. Es ist noch nicht verwirklicht. Lediglich auf einer Ausstellung. "Immer redet man über den Weggang aus Dänemark"sagt er. "Ich möchte sagen, dass man in Deutschland viele meiner Ideen begriffen hat. Danach arbeite ich für Firmen in der Schweiz, Belgien, Frankreich und auch noch Dänemark. Verner Panton ist ein äusserst freundlicher, ein wenig verlegener Mann. Er hat das verwitterte Aeussere, wie man es oft bei Dänen sieht: ein sympathisches, von vielen Falten durchfurchtes Gesicht mit einem ergrauenden, störrischen Bart. Sein Deutsch ist nicht das Beste und sein Englisch noch weniger. Seine schöne Frau, die während dem Gespräch immer anwesend ist, fängt dies immer für ihn auf. Sie erledigt die sachliche Seite seiner Arbeit und betreut die Publizität. Sie sucht die Fotos für meinen Bericht aus und drückt mir Blätter mit seinem Lebenslauf in die Hand. Was ihr ein Kompliment von ihrem Mann einbringt, denn er wusste gar nicht, dass sie diese gemacht hatte. Ohne diese Frau wäre er wahrscheinlich weniger bekannt und würde in aller Anonymität Plastikmöbel ersinnen. Er realisiert das und ist ihr sichtlich dankbar dafür. Sie sagt darüber: "Man fragt uns oft, ob es nicht langweilig ist einander so viel zu sehen. Wir finden es beide herrlich und halten gerade immer mehr voneinander. Ich habe ausserdem zu arbeiten und ich bin viel sachlicher als Verner. Er kommt auf die besten Dinge, wenn er in Ruhe arbeiten kann. Als wir in den Ferien waren mit den Kindern, konnte er es nicht lassen, auf dem kleinsten Stückchen Papier Skizzen zu machen. Ich finde es nichtschlimm. Im Gegenteil, ich finde es gewaltig, dass jemand so in seiner Arbeit aufgehen kann, dass sie ihn nie in Ruhe lässt."

Die Pantons haben zwei oder eigentlich drei Wohnungen in Binningen, nahd bei B:sel. Sie wohnen in einer 5-Zimmer-Wohnung, und es in der Nachbarschaft. Dort hat Panton zwei Wohnungen durchgebrochen. Es sieht hier sehr gesellig aus. Jede Mitarbeiterin und Mitarbeiter ("Ich habe deren zehn, alles junge Menschen") hat einen eigenen Arbeitsraum. Sie konnten ihn nach eigenem Geschmack ein .. richten. Alle Räume kommen auf einen langen Gang hinaus. Wände, Boden und Decke sind mit einem dicken, langhaarigen orange Teppich bekleidet. Die bekannten Flowerpot-Lampen hängen in einer langen Reihe bis fast auf den Boden. Im Keller dieses Wohnhauses liegt eine grosse Werkstatt mit technischen Apparaturen. Alle Entwürfe von Panton werden hier erst gemacht und getestet, bevor sie in Produktion gehen.

Farbe schafft Atmosphäre

Auf die Frage, wodurch er selbst denkt, einen Namen gemacht zu haben, weiss PantRp keine direkte Antwort zu geben. Seine Frau weiss es wohl: "Farße. Farbe ist doch deine Spezialität. Du hast das mit dem Wohnschiff für Bayer, das du 1968 und auch 1970 eingerichtet hast, bewiesen." "Ja, Farbe kann man wohl meine Spezialität nennen", gibt Panton zu. "Ich finde Farbe eigentlich wichtiger als Mobiliar. Farbe kann einem Zimmer eine bestimmte Atmosphäre geben. Es scheint mir einfacher, in einem ganz roten Zimmer zu wohnen, als in einem gewöhnlichen Raum mit 20 .. 30 verschiedenen Farben, kombiniert mit 60 - 70 % weiss. Eine deutlich anwesende Farbe erfährt man. Es gibt eine Ganzheit. Totalität ist für mich wichtig. Sie muss rundum anwesend sein.

In der Farbe des Zimmers, der Gardinen, in der Fussbodenbekleidung und im Mobiliar. Auf diese Weise schafft man eine neue Lebensweise. Eine neue Wohnform. Meiner Ansicht nach müssen wir darauf zugehen. Wir hängen an einem Bild, dass in einem Zimmer ein niedriger Tisch stehen muss mit einem Sofa und zwei Stühlen darum herum. In ganz Europa sieht man dies. Und warum? Die Zeit ändert sich und das Wohnen ändert sich mit. Es ist schade, dass wir in dieser Zeit keinen Karl Marx haben. Wir haben dringend einen Reformer nötig, der uns eine neue soziale Philosophie bringt. "

Sieht er sich selbst als Reformer auf dem Gebiet des Wohnens?

"Aber nein." Er lacht. "Ich mache ganz gewöhnlich meine Arbeit. Nicht anders als ein Arbeiter. Und ich habe Freude dar an. Das hat der Arbeiter auch, hoffe ich. Auf jeden Fall finde ich nicht, dass meine Arbeit wichtiger ist als die seine. Natürlich liegen meine Verantwortlichkeiten anders. Ich arbeite nicht nur so darauflos. Ich habe ein paar Thesen" nach denen ich zu Werke gehe. So finde ich" dass Fabrikant und Entwerfer ein gemeinschaftliches Ziel vor Augen haben sollten. Es ist wichtig" dass der Entwerfer auch den Produktionsmc::thoden Rechnung trägt. Der Fabrikant muss seinerseits offen sein für neue Ideen des Entwerfers. Weiter sind die Verbraucher von allergrösster Wichtigkeit. Das Schaffen von lauter Kunstwerken ist sinnlos. Ein Entwurf muss in verschiedenen Umständen und für ver ... schiedene Menschentypen funktionell sein. Doch muss man den Verbraucher auf die verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten von etwas hinweisen. Zum dritten finde ich es wichtig" dass Form und Farbe das eigentliche Lebensklima beeinflussen. Darum bin ich auch der Meinung, dass man die Materialien dieser Zeit gebrauchen muss.

Wie Plastic und Plexiglas. Leider sind sie noch immer zu teuer.

Die Produktionskosten müssen sich senken. Das kann nur geschehan, wenn die Produktion hinaufgeschraubt wird, also wenn eine grosse Nachfrage entsteht. Plastic wird komischerweise immer noch als ein Ersatz für natürliche Materialien betrachtet. Das ist Unsinn. Plastic ist ein sehr brauchbares, unabhängiges Material mit un ... endlichen ästhetischen Möglichkeiten.

Die Automobil-Industrie gibt jährlich Vermögen aus für Untersuchungen, da sie Plastic deutlich als das Material der Zukunft sieht. Im Wohnungsbau bedeutet Plastic bis jetzt kaum mehr als ein kurioses Detail. Natürlich gi.bt es noch viele Schwierigkeiten. Die Brennbarkeit zum Beispiel. Aber es ist vollauf der Mühe wert" um kollektiv - vorzugsweise international - eine Lösung dafür zu finden. Sobald hier etwas herausgefunden worden ist" soll Plastic voll auf zu seinem Recht kommen können. Mit Farben" Licht und Formen können wir dann auf spielerische Weise unser zukünftiges Milieu gestalten. So wie es jetzt ist, schweben wir in Unsicherheit" ob wir wohl mit etwas Richtigem beschäftigt sind. "

Es bekommt erst Leben" wenn es bewohnt wird

Obwohl Panton Farbe, Raum und Form wichtig findet für die Schaffung einer Wohnatmosphäre steht der Mensch bei ihm doch deutlich im Mittelpunkt."Das schönste und beste Interieur ist nichts ohne Menschen" sagt er. "Es bekommt erst Leben wenn es bewohnt wird." Seine Ideen - wie z. B. die Bayer-Schiffe ... wurden wohl als zu extrem angesehen. "Ich muss übertreiben, um etwas deutlich zu machen" " antwortet er. Extreme Experimente sind notwendig" um den Menschen einen Begriff vom modernen Wohnen zu geben. Mit der Einrichtung der Bayer-Schiffe ... was übrigens nicht gut ausfiel" weil die Räume nicht mehr als 2m hoch waren ... konnte ich eine Totalität sehen lassen.

Wie ich schon sagte, ist modernes Wohnen für mich eine Totalität. Uebrigens, Henry Miller hätte sich auch keinen Namen gemacht,wenn er das Durchschnitts-Sexleben in einem Doppelbett beschrieben hätte. Uebertreibungen werden nun einmal leichter bekannt auch auf meinem Gebiet.

Findet er es langweilig, dass er im Ausland einen grösseren Namen hat als in Dänemark? "Bekannt oder unbekannt zu sein finde ich unwichtig" sagt er. "0bwohl ich ehrlicherweise zugeben muss, dass es für mich heute viel leichter ist, meine Ideen zu realisieren als früher. Auch werden meine Entwürfe weniger kopiert. Mart kann jetzt überall Lizenzen verlangen. Das macht die Arbeit natürlich ein StÜck angenehmer. Und ich kann nicht über Mangel an Interes&an meiner Arbeit klagen. Ich habe verschiedene Preise bekommen. Nicht dass mir das nun soviel sagt, aber es ist doch ganz nett. Wichtig für mich ist - ausser den Bayer-Schiffen - das Gebäude des Spiegel- Verlages in Hamburg. Dort konnte ich, was Farbe betrifft völlig meinen Weg gehen. In der Kantine liegt z. B. ein orange Teppich mit Blumen. Auch die Tische sind orange und dasslebe Blumenmuster ist hier verwendet. Die Decke hat ein Helief und besteht aus bekleideten Textilplatten. Hiermit fange ich zwei Dinge auf: die Akustik und die Geselligkeit. Es ist ein sehr farbiges Gebäude gewordenl selbst das Schwimmbad ist rot und orange gestrichen. Es zeigt sichl dass die Menschen es sehr nett finden, darin zu arbeiten."

Als Architekt möchte Panton in Dänemark bauen. In der Schweiz bekam er dafür in den ersten Jahren keine Bewilligung. Das scheint nun zwar zu gehen, und er ist sehr beschäftigt mit Plastic ... Häusern. Das liebste wäre ihml eine ganz neue Stadt zu bauen, um alle Träume über Leben und Arbeiten darin verwirklichen zu können. Nicht allein, sondern mit allen Bewohner der Stadt zusammen.

Das Gemeinschaftsleben wird zunehmen

Er weiss, dass es wahrscheinlich ein Luftschloss bleiben wird, aber die Veränderungen im Zusammenleben stehen ihm ganz real vor Augen: "Das Gemeinschaftsleben wird zunehmen. Die Menschen haben stets mehr Freizeit und die Wohnung wird wichtiger. Man wird mehr beieinander wohnen. In Kommunen - etwa ... oder die Familien ziehen wieder zueinander, so wie früher. Grosseltern, Kinder, Enkelkinder, Onkel und Tanten sollen wieder unter einem Dach leben. Das ist etwas, das von den Jungen ausgeht und ich bin froh darüber. Ich finde die Jungen dieser Zeit ganz positiv. Sie weigern sich, unter Zwang zu arbeiten und darin kann ich ihnen nur bloss Hecht geben."
Die Liste enthält lediglich eine Auswahl an Artikeln und erhebt somit keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Picasso der Designer Un sedile d´aria md-Artikel:Drahtstühle für draussen - von Panton für Plus Linje md-Artikel über das Projekt für ein Verwaltungsgebäudes News from Cologne md-Artikel über die Storz&Palmer-Serie Kaufhofartikel über Pantons Wohnlandschaft md-Artikel über WEGA 3300HiFi Stacks of room Artikel in SCHÖNER WOHNEN-Wohnen auf höherer Ebene Globus Magazine über Verner Pantons Wohnlandschaft STERN-Artikel, 23.07.1967 md-Artikel über die Polstermöbel von Verner Panton "Kölnisches Tagebuch", 24.Januar 1968 - Nr.20 Flair-Magazin, 1969 Blatt für alle, 1969 "FORM" Nr.46, 05/69 Artikel in der New York Times, 1969 Wie halten Sie's mit dem Weihnachtsbaum? Schweizer Illustrierte, 28.02.1972 "Was ihn umgibt hat er für andere entworfen" Stuhl-Kunst von Verner Panton Raum: Artikel über die Art Chairs Kempinski-Journal, Heft 03/83 Schweizerische Handelszeitung, 16.10.1986 HÄUSER Finanzwirtschaft-Magazin, 19.09.1990 ELLE Interior 01/95 Artikel Ambiente Heft 1/97 Spiegel Special, Nr.5/1997 Designreport 10/98 Artikel aus BWIEBASEL, Heft 1/99 Artikel in Sonntagszeitung Trend Hjerteforeningens Boerneklub Oberbadisches Volksblatt, 8./9. July 2000 Tagesanzeiger, 5.Februar 2000 Artikel Basler Zeitung, 3./4. Februar 2001 Artikel aus der Sonntagszeitung, 27. July 2003 Brigitte 02/2005-VERNERS VISIONEN Verner-Panton-Weg