Wohnraum betrachten, ist Verner Panton in die Küche verschwunden und kehrt mit einer in Cellophan gehüllten Flasche, die er verschämt hinter seinem Rücken versteckt, zurück. Verstehen Sie was von Champagner? Ich nämlich nicht! Aber ein Freund hat mir gesagt, dieser 1966er Brut sei der beste. Ich hoffe, er wird Ihnen schmecken."
Wir stossen an auf Pantons künftige Erfolge und die weitere Ausbreitung seiner Arbeit in aller Welt. "Bekannt oder unbekannt zu sein, das ist für mich von sekundärer Bedeutung", meint er bescheiden.<
Die Wonnung als Versuchslabor
Wir trinken auf die Verwirklidlung dieser Idee Verner Pantons. Die Gläser stellt man auf violette runde Tonnen mit Grifflöchern, die zwischen Sitzelementen der Wohnlandsdlaft verteilt sind. Diese Tonnen-Sets sind ebenfalls ein Entwurf. Die Farben im Raum werden von dem silbernen Relief an der Wand, das aus Hunderten von Spiegelglas-Pyramiden besteht, reflektiert. "Solch ein Spiegelrelief hing bei Knoll International in Paris", erzählt Frau Panton. "Auch Beringer und Koettgen in München hat es ausgestellt, und eines hat mein Mann für Neiman-Marcus in Dallas in Texas gemacht. Dieses hier ist der erste Versuch dazu. Unsere Wohnung ist überhaupt eine Art Versuchslabor für alle neuen Entwürfe."
Auf den aneinandergereihten quadratischen Emaille-Tischen mit Chromstahl-Gestell entdecken wir besonders aparte, holz geschnitzte indische Figuren.
"Ich war 1965 in Indien, zusammen mit meiner Frau. Einen ganzen Monat haben wir uns dort aufgehalten. Dort bin ich sogar mit Papst Paul dem Sechsten und Louis Armstrong zusammengetroffen", erzählt uns Panton. "Der eigentliche Grund meines dortigen Aufenthaltes waren aber die Verhandlungen mit indischen Firmen über größere Aufträge."
Die Wohnlandschaft, in deren Tälern wir noch immer sitzen und schon die zweite Flasche Brut miteinander trinken, trennt ein merkwürdiges rechteckiges Gebilde mit fingerartigen Auswüchsen vom Eßbereich des Raumes. "Verzeihen Sie die neugierige Frage", sagt Werner Neumeister, "ist das eine
Plastik, Herr Panton?"In diesem Moment stürmt Carin, das 5jährige Töchterchen der Pantons, gerade vom Kindergarten heimgekehrt, zur Tür herein. Sie trägt ein winziges Malteserhündchen im Arm und klettert mit ihm geschickt, hopplahopp, auf die oberste Etage des orangefarbenen, stoffbezogenen Gebildes. Marianne und Verner folgen der Kleinen und lassen sich auf der "Sitz-Plastik" nieder.
Dieses Sitzmöbel für viele Personen, das nach eingehendsten Tests sich als wirklich bequem erwies, ist einer seiner neueren Entwürfe.
Ein Stuhl mit Geschichte
Im Musee des Arts decoratifs, im Louvre in Paris, war diese Kreation 1969 zum ersten Mal ausgestellt. Fünf international anerkannte Designer hatten dort ihren Beitrag zu dem neueröffneten "Design-Centre de creation industrielle" geleistet: Joe Colombo, Charles Eames, Fritz Eichler, Roger Tallon und Verner Panton.
Durch den "Wohnturm" hindurch sieht man auf den Eßplatz, an den sich die Durchreiche zur Küdle anschließt. Hier ist die Farbe Orange ganz vorherrschend. Von der Decke hängen Trauben von großen und kleinen Styroporkugeln, mit orangefarbenen Dralonfäden beklebt, herab, welche die Eßtischleuchte umschließen. Dieses Kugel-Gehänge hat mein Mann einmal für ein Restaurant in Dänemark gmacht", berichtet Frau Panton. Dort war es einerseits als Decken-Dekoration gedacht, andererseits zur Schallabsorbierung und Kaschierung der Entlüftungsanlage, die in die Decke eingebaut war. Auch hierfür mußte unsere Wohnung, wie immer, zur Probemontage herhalten."
Die Kunststoff - Formstühle, ebenfalls in Orange, um einen runden Eßtisch stehend, gehörten einmal zu Pantons größten "Sorgenkindern" :"Ich habe meinen Mann selten an etwas so viel arbeiten sehen wie an diesem Stuhl", erzählt Frau Marianne. "In der TU in Hannover hat er viele Proben davon gemacht und mit Statikern darüber diskutiert. Er fertigte Gipsmodelle an und versuchte immer neue Verbesserungen der Form. Trotzdem sagten führende Firmenchefs und Designer über diesen Stuhl-Entwurf: ,Was für ein Unsinn! Diese Form entspricht niemals den Voraussetzungen eines guten Stuhls.''' - Heute wird das damals verpönte Modell von der bekannten Firma Herman Miller International produziert und zählt zu den meistverkauften und meistfotografierten Stühlen der Welt. Nach dem Umfang seines Tätigkeitsfeldes befragt, antwortet Panton: "Ich arbeite für Firmen in Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Italien, Skandinavien und den USA. Stoffe, Lampen, Möbel und Dekorationselemente gehören zu meinem Arbeitsgebiet. Einen großen Anteil hat auch mein Geburtsland Dänemark an der Gesamt-Auftragsziffer. "
"Und wie sind Sie ausgerechnet nach Basel verschlagen worden?" möchte ich wissen. "Nachdem wir aus Dänemark fortgegangen waren, haben wir zunächst in Südfrankreich gewohnt", berichtet Frau Panton, "der herrlichen Landschaft wegen. Aber wir merkten bald, welche Nachteile es hatte, so weit von unseren Fabrikanten entfernt zu leben." "Um diese Zeit hatte ich gerade eine Besprechung mit Miller und Knoll International, die damals auch ihr Hauptbüro in Basel hatten", fährt Verner Panton fort. "Der Direktor von Miller redete mir zu, doch in Basel zu bleiben, und half mir bei der Haussuche. Ein Jahr lang hatten wir ein möbliertes Haus gemietet, bis wir dann dieses hier fanden, wo wir seit 1964 wohnen."
Entspricht dieses Haus auch baulich Ihren Vorstellungen?" frage ich. "Natürlich nicht!" meint Verner Panton spontan. "Wenn ich heute ein Grundstück auf dem Binninger Berg fände, wo ich ganz nach meinen Vorstellungen bauen dürfte, sähe das Ergebnis ganz anders aus. Es geht ja nicht darum, eine Fassade zu bauen oder ein Interieur zu gestalten, es geht darum, eine Ganzheit zu schaffen. Das Haus, der Raum, die Farben, Möbel, Textilien sowie die Beleuchtung müssen in Zusammenhang gesehen und geplant werden. "
Und als er sich beinahe beim Dozieren ertappt, fügt Panton unvermittelt hinzu: "Man sollte die neue Architektur von innen machen anstatt von außen. Es ist also nicht die Frage: Wie sieht etwas aus, sondern: Wie fühlt man sich damit. Das Optisch-Asthetische ist nicht ganz so wichtig, sondern wichtig -ist, ob man sich wohl fühlt in seiner Umgebung."
Theorien werden Wirklichkeit
Wir fühlen uns inzwischen in dieser farbigen Wohnlandschaft so zu Hause, daß wir beinahe vergessen hätten, den Rundgang durch das Reich Pantons zu beenden. Das Schlafzimmer des Ehepaares, in Orange-Tönen gehalten, weist mit Möbeln, Leuchten und Stoff wieder eine Reihe von Panton-Entwürfen auf. Ein riesiger weißer Kunststoffpilz spendet ein angenehmes Licht. "Der Versuch einer Stehlampe", meint Verner Panton betrübt. "Leider hat sich bei diesem Versuch herausgestellt, daß sie zu teuer in der Herstellung ist."
Verner Panton, stets auf der Suche nach immer besseren Möglichkeiten zur Gestaltung unserer Umwelt, hat in einem Vortrag über das Design einmal gesagt: "Kein Gesetz der Welt beweist die Notwendigkeit, daß in einem Wohnraum ständig ein Sofa und 2 Sessel um einen niedrigen Tisch gruppiert werd, müssen. Es gibt andere und wahrscheinlidl bessere Lösungen, mit denen ein entspanntes häusliches und dennoch attraktives Milieu geschaffen werden kann. Daß es diese Lösungen gibt, hat Verner Panton in den eigenen vier Wänden bewiesen.