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Verner Pantons grösster Wurf: Der Panton Chair war 1967 der erste freischwingende Stuhl aus Plastik und wird jetzt wieder produziert...
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Verner Pantons grösster Wurf: Der Panton Chair war 1967 der erste freischwingende Stuhl aus Plastik und wird jetzt wieder produziert
Selbst der deutsche Regisseur Rainer Kaufmann ist dem Charme des Plastik-Mobiliars erlegen. Für seinen neuen Film «Long Hello & Short Goodbye» hat er allerlei Kunststoffdesign aus den Sechziger- und Siebzigerjahren zusammengetragen und aus Plastiksesseln, champignonförmigen Lampen und Tütensesseln eine perfekte Kunstwelt schaffen lassen. Der Film mit seinen durchgestylten Szenenbildern kommt Mitte Juli in die Kinos und ist ein Augenschmaus für Film-noir-Fans - aber auch einet für Design"Fetischisten.
Der Film ist nur ein Beispiel unter vielen: Das Möbeldesign aus den Sechzigern und Siebzigern boomt. Möbelserien dieser Dekaden wer.den neu aufgelegt, junge Designer lassen sich davon inspirieren; junge Konsumenten davon begeistern. Vor allem die Werke des dänisZhen Architekten und Gestalters Verner Panton, der 35 Jahre lang zurückgezogen in Basel gelebt hatte, gelten neuerlich als hip. Diverse Produzenten legen die Meisterwerke des Dänen neu auf, allen voran die Edelrriarke Innovation. Sie präsentierte unter anderem eine Reedition von Pantons autblasbarem PlastiksesseI. Selbst Interio verkauft dessen nachttopfähnlichen Sessel Panto Top und die Lampe Panto Beam «mit gutem Erfolg».
Lebensbejahend und noch immer revolutionär
Kein anderer Formgestalter hat in diesen Jahrzehnten derart gewagt mit Formen, neuen Materialien und Farben jongliert wie Verner Panton. Dessen Tütensessel ist legendär, genauso die Leuchten aus Hunderten d'urchscheinender Perlmuttplättchen. Der berühmte Wohnturm,- ein multifunktionales Möbel, wurde dutzendfach kopiert und wird seit kurzem wieder in Originalausführung hergestellt.
Bekannt wurde Panton durch seinen .Stuhl Panton Chair, dem ersten freischwingenden Stuhl aus Plastik. Dieser steht in den Sammlungen der renommiertesten Designmuseen, zählt zu den wichtigsten Designwerken des Jahrhunderts.
Pantons farbenfrohes Festival der Formen und Farben überzeugt auf der Schwelle ins Millennium, «weil es lebensbejahend und noch immer revolutionär ist», sagt Donna Loveday, Kuratorin des Londoner Design Museum. Unter ihr,er Regie entstlU1d die soeben eröffnete Retrospektive <
Der dänische Pionier ging schon immer eigene Wege. Nachdem er als Mitarbeiter des Architekten Arne Jacobsen erste Achtungserfolge verbucht hatte, packte Panton 1957 seine sieben Sachen, baute seinen VW-Bus zu einem Designatelier aus und fuhr kreuz und quer durch Europa. Im Jahre 1963 kam er in die Schweiz und liess sich zusammen mit Gattin Marianne in Basel nieder. Dort lebte er bis Ende 1998 und starb im Alter von 72 Jahren.
Dass er am Rheinknie sesshaft wurde, wurzelt unter anderem in der engen Freundschaft zu Vitra-Mitbesitzer Rolf Fehlbaum. Zusammen mit Vitra realisierte Panton 1967 seinen grössten Wurf: den weltweit ersten freischwingenden Stuhl aus Plastik. «Ich will gut gestaltete Möbel durch neue Produktionstechnologien für jedermann erschwinglich machen», sagte er damals. Dieses Anliegen konnte lange nicht umgesetzt werden. Die Produktion des Panton Chair erwies sich als schwierig und aufwändig. Erst heute lässt sich der Stuhl seriell und kostengünstig herstellen. Vitra lanciert im Herbst den Klassiker in einer entsprechenden Neuversion. Der Stuhl ist aus Polypropylen gefertigt und kostet rund 200 Franken, ein Drittel des Preises für das Original.
Kontrastprogramm zum weiss-beigen Bürgertum
Panton gab sich nicht damit zufrieden, einzelne Möbelstücke zu gestalten. Er wollte das Wohnen an und für sich revolutionieren - und schuf deshalb weich fliessende Wohnlandschaften, oft mehr Kunstinstallationen als Gebrauchsdesign. Er entwarf Vorhänge, Tapeten und Teppiche mit streng geometrischen Mustern, entwickelte unzählige Leuchten, Stühle und anderes Mobiliar. In seinem Wohnhaus in Binningen stellte er die Entwürfe zusammen und komponierte daraus eine für die Sechzigerjahre revolutionäre Wohnambience. «Ein Kontrastprogramm zum weissbeigen Bürgertum», nannte Panton die flirrende Farbenpracht.
Im Meublement junger Panton-Fans sind die Plastikwerke vor allem eines: frische Farbtupfer. Marianne Panton, die heute das Erbe ihres Gatten in Basel verwaltet, freut sich dennoch über das Interesse der neuen Klientel. «Wahrscheinlich sind die Leute von der Fröhlichkeit beeindruckt, die seine Werke ausstrahlen», sagt sie. Regisseur Rainer Kaufmann muss da einiges falsch verstanden haben. Er setzt das Plastikrnobiliar in seinem Film ein, um für die Handlung «einen unterkühlten, fast seelenlosen Rahmen zu schaffen».
4. Juni 1999
Kultkurven
Sitzen wie in den Sechzigern: Verner Pantons Möbel werden neu entdeckt Seite 95 FOTO, HANS HANSEN/VITRA