Kempinski-Journal, Heft 03/83
Nagelneue Panton-Stühle - hier zum erstenmal veröffentlicht....
Nagelneue Panton-Stühle - hier zum erstenmal veröffentlicht.
Wir suchen die Rebgasse. Das klingt, als ob sie in der Altstadt läge. Aber sie gehört zu dem stillen Baseler Vorort Binningen, wo die Häuser in gepflegten Gärten stehen - jedes für sich in zurückhaltender Wohlhabenheit.
Das Haus Nr. 108 sieht man überhaupt nicht. Ein zweiflügeliges Tor in Blau und Rot öffnet sich in einen Park. Da ist ein Schwimmbecken, an dem zwei Kühe weiden. Es sind Panton-Kühe aus Holz oder Plastik mit bunten Tupfen. In der Haustür kann man sich spiegeln. Sie geht auf, bevor wir geklingelt haben.
Die Welt des Verner Pan ton offenbart sich sofort. In der Halle sind keine Fenster. Uns umgibt sanftes rotes Licht, das ,aus den Wänden zu strömen scheint. Es ist eine Bewußtseinsschleuse im positivsten Sinn. Geborgenheit wird signalisiert und Wärme.
Auf Fotos sieht Verner Panton anders aus, als er uns hier gegenübertritt. Er ist gar nicht der LuisTrenker-Typ, den wir erwartet haben, kein Hans-Dampf-in-allenGassen. Fast scheu gibt er uns die Hand und bedankt sich, daß wir gekommen sind. Dabei wäre es an uns zu danken, daß wir ihn noch sehen können. Morgen wird er für sechs Wochen in die Ferien fahren nach Dänemark, in sein Heimatland.
Panton ist ein beschäftigter, gefragter Mann in den Mittfünfzigern mit unzähligen Auszeichnungen. Er hat im Louvre ausgestellt und das berühmte Bayer-Schiff in Leverkusen ausgestattet. Er hat das Kasino in Goslar eingerichtet und das Verlagshaus von Gruner und Jahr in Hamburg. Er gewann den Rosenthal-Studio-Preis und dreimal den Preis für. Gute Form· der Bundesrepublik. Er hat viel in Deutschland gearbeitet. Und im Ausland ist er noch bekannter.
Umgedrehte Gebirge
Hier, in Basel, hat er sein Haus und sein Studio. Jedes Zimmer in Pantons Haus ist eine Wohnlandschaft. Prototypen von Möbeln stehen herum, auch der konische Stuhl, der ein wenig wie eine Tüte aussieht und ihn 1957 berühmt machte. 1968 dachte er sich den Wohnturm aus. Und fast jeder kennt die Lampen mit den vielen muschelartigen Plättchen, die klingen, wenn ein Lufthauch sie berührt. Auf Seite 28 sehen Sie beides, in einem Raum in Pantons Haus.
Wir sitzen an einem PantonTisch unter diesen Lampen. Sie sehen aus, als ob man ein weißes Gebirge umgedreht und an die Decke gehängt hätte. Wir sitzen auf seinen bequemen roten Kunststoffstühlen , die jeder Bewegung des Körpers nachgeben. Frau Panton bringt Kaffee in kleinen Tassen und öffnet eine goldene Schachtel mit Schweizer Konfekt. Es ist ein futuristischer Raum, etwa aus dem Jahr 2000. Nur der Rosenstrauß ist von heute. Und er wirkt ein wenig fremd.
In Pantons Räumen gibt es Stühle und Tische, Sofas und Bilder wie in jedem Haus der Welt. Aber es sind keine Möbel herkömmlicher Art. Wenn auch die Tische Beine haben und eine Platte wie jeder andere, so sind sie doch zumindest aus eigentümlichem Material oder haben eine erstaunliche Farbe. Ein Stuhl ist zwar ein Stuhl, doch er besitzt eine Form, die man nie zuvor gesehen hat. Das Sofa mit seinen schwellenden Rundungen könnte ebensogut unter der Decke hängen; farbige Textilstufen klettern, scheinbar sinnlos die Wand hinauf. Man kann drauf sitzen oder liegen; irgendeinen Zweck erfüllen sie. Mein Sohn hat die Schuhe ausgezogen und turnt in einem orangefarbenen federnden Möbelstück von riesigen Ausmaßen herum. Er fühlt sich sehr zu Hause.
Leider ist er für das Kinderspielzeug, das Verner Panton entworfen hat, schon ein bißchen zu groß. Dieses Spielzeug ist ebenso farbig wie alles in diesem Haus:
Plastikwürfel, die man zu Tieren oder auch zu Sitzgelegenheiten zusammenstecken kann. Der kindlichen Phantasie sind keine Grenzen gesetzt; dieses Spielzeug ist ebenso sicher wie anregend.
Kein steriles Weiß
Immer und überall herrscht Farbigkeit bei Verner Panton. Meist arbeitet er mit parallelen Farben, deren Töne im Spektrum des Regenbogens nebeneinanderliegen. Dadurch will er positive Stimmungen beim Betrachter oder Bewohner erzeugen. Die richtige Farbplanung , sagt Panton , sei von größter Wichtigkeit. Farben seien ja nichts Unveränderliches. Im Übergang vom Tages- zum Kunstlicht verändern sie ihren Charakter. Licht spielt für ihn überhaupt eine große Rolle. Jeder weiß ja, wie schnell kaltes Licht in einem guten Restaurant die Freude am Essen nimmt. Auch die Struktur des Materials beeinflußt das Empfinden. So können ein grober Stoff und eine glänzende Emailleplatte technisch gesehen die gleiche Farbe haben. Und doch wirken sie völlig verschieden.
Auch in die Krankenhäuser soll mehr Farbe kommen! meint Verner Panton. Das sterile Weiß trägt nicht zur Genesung bei. Versuche mit neuem KrankenhausDesign sind im Gange.
Panton kritisiert leise, aber eindringlich viele junge Designer und Architekten, die nicht zu wissen scheinen, daß Farben großen Einfluß auf die Steigerung des Lebensgefühls haben können. Gewiß, die Menschen sollen so wohnen, wie sie möchten. Aber die Architekten müssen ihnen die Möglichkeiten zeigen.
Darin sieht Panton seine Aufgabe: zu zeigen, wie man einen Raum mit seinen Farben und Möbeln, den Textilien und der Beleuchtung im Zusammenhang sieht. Und wie der Mensch, darin sich dadurch besser fühlt.
Hier ist von dem dänischen Architekten und Designer Verner Panton die Rede. Oben sehen Sie ihn im Bild. Auf seine Arbeit trifft zu, was zwei bedeutende Architekten der Bauhaus-Periode vor 50 Jahren verlangten. Walter Gropius:Gute Architektur muß das Leben der Zeit widerspiegeln. Das erfordert intime Kenntniss der biologischen, sozialen, technischen und künstlerischen Fragen Marcel Breuer: Unsere Wohnungen brauchen keinen ausgeprägten Sil zu haben, aber sie sollen von der Eigenart des Besitzers geprägt sein. Der Architekt schafft nur die eine Hälfte der Wohnung, der Mensch, der in ihr lebt, die andere Hälfte.
Und Gropius sagte, was Panton denkt: Bunt ist meine Lieblingsfarbe