Artikel Basler Zeitung, 3./4. Februar 2001
"Mit Basel assoziiere ich die Farben Grün, Grau und Blau".
Basler Zeitung
Samstag/Sonntag, 3./4. Februar 2001, Hr. 29
Teil III
Marianne Panton, gebürtige Schwedin, lebt seit nunmehr 36 Jahren in Basel. Wenn auch die Gattin des 1998 verstorbenen Designers Verner Panton sich hier in der Stadt immer noch als Gast betrachtet: Basel ist ihre Heimat geworden, sie möchte nirgendwo anders leben, wie sie erklärt. Dennoch gibt es auch Aspekte, die sie verbesserungswürdig findet. "
Marianne Panton, im Heart Cone Chair sitzend. Eine Panton-Kreation aus dem Jahre 1959, die heute wieder produziert wird.
BaZ: Frau Panton, wenn Sie Eindrücke von Städten in Farbtönen formulieren würden: Welche Farben würden Sie der Stadt Basel zuordnen?
Marianne Panton: Spontan gesagt: Grün, Grau und Blau.
BaZ: Weshalb?
Marianne Panton: Wenn mein Mann und ich mit dem Auto jeweils nach Basel zurückkehrten - egal woher - habe ich es immer so eingerichtet, dass wir vom Wettsteinplatz über die Wettsteinbrücke fuhren. Das tue ich immer noch. Der Blick von dort auf die Pfalz und die Stadt ist der schönste, den ich kenne. Wenn ich jetzt die Augen schliesse, sehe ich dieses Bild in ebendiesen Farbtönen vor mir.
BaZ: Sie sind Schwedin, leben aber seit 36 Jahren hier. Betrachten Sie Basel als Ihre Heimat - oder als eine Art Refugium?
Marianne Panton: Basel ist meine Heimat geworden. Ich bin hier zu Hause, fühle mich hier wohl und möchte nirgends sonst leben. Und seit dem Tod meines Mannes bin ich voll damit beschäftigt, sein Werk zu fördern und zu pflegen. Das kann ich nirgends besser als von hier aus.
BaZ: Dies erstaunt, gilt Basel doch verglichen mit Mailand nicht als eine Designer-Metropole ...
Marianne Panton: Das ist richtig. Verner wollte zu Beginn der 60er Jahre eigentlich auch gar nicht in Europa bleiben, sondern in die USA auswandern. Dass es uns nach Basel verschlug, hängt mit der Zusammenarbeit mit der Firma Fehlbaum Vitra zusammen. Firmenchef Willi Fehlbaum repräsentierte in Europa schon damals die Produkte der amerikanischen Möbelfirma Herman Miller.
BaZ: Sie sprechen jetzt vom legendären Panton-Stuhl, einem der markantesten Werke Ihres Mannes?
Marianne Panton: Ja, genau. Seit Jahren hatte Verner an diesem Stuhl - der aus einem Guss gemacht werden sollte - gearbeitet, diverse Prototypen erstellt. Doch in Skandinavien liessen uns die Möbel-Hersteller immer wissen, dass die Produktion dieses Stuhles nicht möglich sei. Verner glaubte aber daran, liess diese Idee nie fallen. Und fand hier bei Vitra Gleichgesinnte. Rolf Fehlbaum begann mit dem Prototyp zu arbeiten und war ebenso überzeugt wie Verner, dass sich das Projekt umsetzen liesse. Doch stellte sich bald heraus, dass dies ein längerer Prozess werden sollte, weshalb Verner und ich unser damaliges Domizil in Südfrankreich aufgaben und 1962 hierher zogen. Wir stürzten uns sozusagen ins kalte Wasser, kannten Basel nicht und waren beide fremd hier, fühlten uns aber rasch akklimatisiert. In Basel blieben wir, weil es für uns sehr gut gelegen war. Und heute noch ist: Hier bin ich im Herzen Europas, rasch in Deutschland, Frankreich, Italien, Skandinavien ... Und das Wichtigste für mich ist, dass sich mein Kontaktnetz hier befindet. Hier in Basel weiss ich, wie alles funktioniert. Nach Skandinavien zurückzukehren, kann ich mir nicht vorstellen. Da fehlen mir die Kontakte, um Verners Werk weiterzuführen.
mac. Marianne Panton ist Schwedin und wuchs auf einem Hof südlich von Stockholm auf. Im Alter von 18 Jahren, kurz nach Matura-Abschluss, wurde sie Mutter und heiratete. Nach der Babypause absolvierte Marianne Panton die Handelsschule, fuhr nebenbei Rallyes und machte das Flugzertifikat. Aus dem Traum, Linienpilotin zu werden, wurde jedoch nichts -1962 lernte sie den dänischen Designer Verner Panton kennen, ihren zweiten Mann, mit dem sie nach Basel zog und 1964 den Bund der Ehe schloss. 1966 wurde Marianne Panton zum zweiten Mal Mutter. Heute darf sie sich auf die Geburt ihres zweiten Enkelkindes freuen. Seit dem Tod ihres Mannes vor zweieinhalb Jahren pflegt Marianne Panton sein Werk, führt es weiter und hält darüber auch Vorträge.
BaZ: Was hat Sie - abgesehen vom beruflichen Aspekt - für immer hier gehalten?
Marianne Panton: Basel ist eine offene, freundliche Stadt. Viel offener als andere Schweizer Städte, finde ich. Das hat uns schon damals sehr gefallen. Wir fühlten uns von Anfang an wohl hier im Zentrum Europas und haben sehr schnell gute Freunde gefunden. Ganz besonders wichtig war und ist das beeindruckende Kulturleben dieser Stadt, die hervorragende Architektur, die vielen guten Museen, die Fondation Beyeier, die Kunstmesse, die Galerien, das Vitra Design Museum, die Theater und das SymphonieOrchester. Vieles davon hat Weltklasse - wo sonst gibt es so viel Kultur auf so engem Raum? In Basel hat es viele Leute mit phantastischen Visionen und hervorragenden Ideen, und ich bin stolz und glücklich, dass ich einige davon zu meinen Freunden zählen darf.
BaZ: Spielt für Sie die Lage Basels nach wie vor eine Rolle?
Marianne Panton: Ja, sicher. Und ich denke, dass eben diese Lage für die Weltoffenheit Basels in menschlicher, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht massgeblich verantwortlich ist. Mir gefällt etwa, dass Basel auch geografisch sehr offen ist, dass die Stadt in einer flachen Landschaft eingebettet ist - das symbolisiert für mich auch Weitsicht und Offenheit.
BaZ: Sie scheinen begeistert zu sein von Basel. Und das, obwohl das Schaffen von Ihrem Mann hier offiziell nie gewürdigt wurde. Hat Sie das nie sauer gestimmt?
Marianne Panton: Sauer? Dazu habe ich wirklich keinen Grund. Wir wohnten hier zwar viele Jahre, mein Mann hat aber kaum etwas getan, um sich in Basel und in der Schweiz speziell zu profilieren. Sein Tätigkeitsfeld lag ja hauptsächlich in Dänemark und in Deutschland, und ich denke, er war froh, dass er hier relativ anonym und in aller Ruhe leben und arbeiten konnte.
BaZ: Die wenigen Projekte, die in Basel selber realisiert wurden, fanden durchaus ein positives Echo - zuletzt etwa 1996 die Ausstellung «Farbräume» bei Klaus Littmann. Oder zum Beispiel auch der von Verner gestaltete Gang im Parkhaus des Kantonsspitals. Als ich diesen das letzte Mal sah, hat er allerdings etwas mitgenommen ausgesehen ... Dennoch: Das Werk Verner Pantons wurde intenational immer wieder mit
Auszeichnungen gewürdigt, hier in der Region, die Sie als Heimat bezeichnen, hingegen nicht...
Marianne Panton: Die grosse Retrospektive mit Katalog über sein Gesamtwerk, die das Vitra Design Museum im letzten Frühling gestaltet hat - und die jetzt auf Tour im Ausland ist - ist in meinen Augen eine sehr beachtliche und ehrenvolle Würdigung.
BaZ: Weshalb gibt es in Basel eigentlich kein augenfälliges öffentliches Panton- Werk zu sehen - in andem Städten hat Ihr Mann dies ja realisiert, wie etwa dasSpiegel- Verlagshaus in Hamburg oder das dänische Restaurant Varna?
Marianne Panton: In den 60ern und frühen 70ern wären solche Realisationen in Basel wohl noch etwas zu exotisch gewesen. Und später gerieten solche Einrichtungen für lange Zeit völlig aus der Mode. Auch für meinen Mann war das ein abgeschlossenes Kapitel.
BaZ: Welche Bedeutung das Unternehmen Vitra in Weil am Rhein für Sie hat, steht ausser Frage. Nutzen Sie die Grenznähe auch privat?
Marianne Panton: Ja. Ich bin ein grosser Fan von Jazz, Theater und klassischer Musik. Aus diesen Gründen überschreite ich die Grenzen auch gerne einmal, um kulturelle Anlässe in Colmar, Mulhouse oder Freiburg zu besuchen. Zudem gehe ich im angrenzenden Ausland auch sehr gerne essen.
BaZ: Wie hat sich die Stadt in Ihren Augen verändert?
Marianne Panton: Zu meiner grossen Freude hat sich in Basel das Architekturbewusstsein sehr stark verändert. In und um Basel werden immer mehr spannende, hochwertige Architekturprojekte realisiert. Das erhöht nicht nur die Lebensqualität der Bewohner, sondern wertet auch das Image der Stadt gegen aussen auf. Viele Leute extra nach Basel wegen der Architektur. Das war vor 20 Jahren noch nicht der Fall.
BaZ: Die Tätigkeit von Ihrem Mann und Ihnen stand immer im Zeichen von Neuem, das geschaffen werden sollte, von futuristischen Elementen. Gleichzeitig leben Sie im Gellert-Quartier, einem Quartier mit vielen Altbauten. Inspiriert Sie dieser Gegenpol: Neues und Altes, Zukünftiges und Vergangenes?
Marianne Panton: Ja, ich finde es reizvoll, wenn Alt und Neu sich vermischt. Ich wohne zwar jetzt in einem Quartier mit vielen schönen Altbauten und prächtigen alten Bäumen, aber meine Wohnung ist in einem rund 30 Jahre alten Neubau, gebaut vom Architekten Martin Burckhardt.
BaZ: Was gefällt Ihnen generell an Basel?
Marianne Panton: In erster Linie die Grösse der Stadt. Sie ist nicht zu gross und nicht zu klein. Man fühlt sich hier geborgen und doch nicht eingeengt. Wenn ich in die Stadt gehe, bin ich umgeben von Freunden, sehe immer wieder bekannte Gesichter. Das finde ich sehr sympathisch.
Auch den Basler Dialekt habe ich sehr gern. Meine jüngste Tochter, die hier in Basel zur Welt kam, hat uns mal gesagt: «Gott sei Dank, seid ihr hier in Basel gelandet! Der Dialekt hier ist der schönste der Schweiz.» das ist auch meine Meinung. Aber so schön er auch ist, nicht jeder versteht ihn. Ich finde es etwa absolut verkehrt, dass im Tram alle Mitteilungen nur in Dialekt gesprochen sind, sind diese doch vor allem auch für unsere auswärtigen Messebesucher und die vielen Touristen wichtig. Und die verstehen dann einfach kein Wort davon. Das finde ich schlechtes Stadtmarketing.
mac. Ihr Mann war einer der bedeutendsten Möbeldesigner des 20. Jahrhunderts. Ein Visionär, der mit seinen Ideen anfänglich aneckte, da er seiner Zeit voraus war. Die Rolle, die Marianne Panton im Leben ihres Mannes einnimmt, wird in Artikeln und Büchern stets nur marginal erwähnt. Denn nicht sie, sondern ihr Mann sei der Kreative gewesen, wie sie selber erklärt. Marianne Panton nimmt sich selber sehr zurück, wie man im Gespräch mit ihr rasch feststellt. So spricht sie selber nie vom gemeinsamen Schaffen, sondern vielmehr von Verners Werk. Und betont dabei auch, dass er ein Meister des Understatements war.
Dies ist sie selber auch, denn welche wichtige Funktion sie im Hintergrund eingenommen hat, welche Stütze sie für ihren Mann war, das lässt sie unerwähnt. Freunde hätten ihr das auch schon gesagt, erklärt sie darauf angesprochen, sie könne es aber selber nicht, beurteilen. Dabei handelt es sich nicht um falsche, sondern grundehrliche Bescheidenheit. Nebst ihrer Offenheit und Aufgeschlossenheit eine Charaktereigenschaft, die Marianne Panton auszeichnet. Im Gespräch zeigt sich dies auch, indem sie erklärt, dass sie sich in Basel auch nach 35 Jahren noch immer, als Gast betrachte. Kritik an Basel äusserte sie deshalb nur zögernd, dann aber, sehr pointiert und überlegt. .
BaZ: Das würde bestimmt einen intemationaleren Eindruck hinterlassen, ja. Was missfällt Ihnen sonst noch an Basel?
Marianne Panton: Ich bin eine Schwedin, die in Basel liebend gerne lebt - und seinen Gastgeber kritisiert man nicht. Aber wenn ich mir dies nach all den Jahren mal erlauben darf: Was mich stört, sind die, im Vergleich zu anderen europäischen Städten, horrenden Taxipreise. Ich habe verstanden, dass die Basler Taxifahrer einen Grossteil des Fahrpreises an den Staat abgeben müssen. Aber dennoch: Jeder Fremde, der hier ein Taxi benützt, regt sich über die hohen Preise auf und fühlt sich regelrecht ausgenommen. So etwas finde ich auch schlechtes Stadtmarketing! Meiner Meinung nach würden mehr Leute Taxi fahren, wenn die Preise angemessener wären, wodurch sich das Verhältnis doch wieder auspendeln würde, oder?
BaZ: Angenommen, Sie könnten der Stadt ein neues Design verleihen. Wo würden Sie ansetzen?
Marianne Panton: Ich finde Basel eine lebendige Stadt, die ihr eigenes Design und ihr Aussehen ständig verändert. Das finde ich toll. Es würde ihr deshalb weder bekommen noch gefallen, wenn ihr jemand ein neues Outfit aufzwingen würde. Aber besonders im Stadtzentrum vermisse ich Bäume.
BaZ: Schätzen Sie den Standort Basel für junge Nachwuchs-Designer als attraktiv ein?
Marianne Panton: Das kann ich nicht so gut beurteilen. Es gibt hier die Hochschule für Gestaltung mit einer langen Tradition .. Man kann Basel aber wirklich nicht mit Mailand vergleichen, wo die Produzenten kaum zu zählen sind. Ich denke aber, dass Basel für junge Architekten das reinste Schlaraffenland sein müsste.
Interview Marc_KrelM